Woher Cocktail-Namen kommen – und welche davon in die Irre führen
Cocktailnamen sind eine eigene kleine Wissenschaft. Manche beschreiben den Drink, manche erzählen eine Geschichte, und einige sagen schlicht die Unwahrheit.
Für die Praxis ist das mehr als eine Anekdote: Wer weiß, wie ein Name zustande kam, kann oft ableiten, wie der Drink gebaut ist – und erkennt die Fälle, in denen genau das nicht funktioniert.
Benannt nach Personen
Die größte Gruppe. Drinks wurden traditionell nach dem Gast benannt, der sie bestellte, oder nach der Person, der man schmeicheln wollte.
Beim Negroni ist es ein florentinischer Graf, der seinen Americano verstärkt haben soll. Beim Rob Roy und beim Bobby Burns sind es schottische Berühmtheiten – passend zur Scotch-Basis beider Drinks. Der Vesper stammt sogar aus der Literatur: Er taucht in Ian Flemings erstem Bond-Roman auf und ist nach einer Figur benannt.
Allen gemeinsam ist: Die Zuschreibungen sind selten gut belegt. Barlegenden entstehen schnell und halten sich hartnäckig – das haben wir bei den einzelnen Familien, etwa der Negroni- und der Manhattan-Familie, jeweils angemerkt.
Benannt nach Orten
Die zweite große Gruppe, und meistens die zuverlässigere.
Der Manhattan und der Bronx verweisen auf New Yorker Stadtteile, der Daiquiri auf eine Gegend an der kubanischen Südostküste, der Sazerac auf eine Cognac-Marke, die im ursprünglichen Rezept die Basis bildete – ein Name, der also eigentlich in die erste Kategorie gehört und im Lauf der Zeit die Spirituose wechselte.
Interessant ist der Mint Julep: Hier beschreibt der Name schlicht die Zutat und die Gattung. Dasselbe gilt für Gin Fizz, Whiskey Sour und Rum Collins – die nüchternste und für den Gast nützlichste Art der Benennung.
Benannt nach einem Irrtum
Die unterhaltsamste Gruppe. Der Negroni Sbagliato heißt übersetzt „falscher Negroni" – der Legende nach griff jemand zur falschen Flasche und goss Schaumwein statt Gin ein.
Der Old Fashioned gehört im weiteren Sinn ebenfalls hierher: Er ist nicht nach einer Person oder einem Ort benannt, sondern nach einer Bestellung. Gäste wollten ihren Cocktail „nach alter Art" – und daraus wurde ein Eigenname. Die ganze Geschichte steht in Was ist eigentlich ein Cocktail?
Namen, die in die Irre führen
Hier wird es praktisch relevant, denn einige der bekanntesten Namen beschreiben etwas, das gar nicht drin ist:
Long Island Iced Tea enthält keinen Tee. Der Name bezieht sich auf die Farbe, die durch den Cola-Schuss entsteht.
Coffee Cocktail enthält keinen Kaffee. Auch hier ist es die Farbe – der Drink besteht aus Portwein, Cognac und einem ganzen Ei.
Singapore Sling ist kein Sling. Ein Sling ist historisch ein sehr einfaches Format aus Spirituose, Zucker und Wasser; der Singapore Sling ist ein deutlich jüngerer, komplexerer Drink mit vielen Zutaten. Zu den historischen Gattungen siehe Cobbler, Flip, Toddy, Crusta.
Caipiroska ist keine Caipirinha. Wer Wodka statt Cachaça verwendet, baut einen anderen Drink – mehr dazu im Cachaça-Guide.
French 75 heißt nach einem Artilleriegeschütz, nicht nach einer Zutat oder einem Mengenverhältnis.
Namen mit juristischer Dimension
Ein Sonderfall, der vor allem Barbetreiber betrifft: Einige Drinknamen sind markenrechtlich geschützt. Der bekannteste Fall ist der Dark 'n' Stormy, dessen Name an einen bestimmten Rum gebunden ist.
Für den Hausgebrauch ist das folgenlos. Auf einer gedruckten Karte kann es relevant werden – und es erklärt, warum manche Bars denselben Drink unter einem leicht abgewandelten Namen führen.
Wie heute benannt wird
In modernen Bars hat sich die Logik verschoben. Eigenkreationen tragen heute oft Namen, die eine Stimmung, einen Ort oder einen Insider-Witz transportieren statt die Zutaten.
Das ist für die Bar reizvoll und für den Gast ein Problem: Aus „Midnight in Lissabon" lässt sich nicht ableiten, ob der Drink sauer, bitter oder stark ist. Deshalb gehört auf eine gute Karte neben den Namen immer die Zutatenliste – ein Punkt, den wir auch für die eigene Hauskarte empfohlen haben.
Fazit
Namen sind in der Barwelt ein unzuverlässiger Wegweiser. Manche beschreiben den Drink präzise, manche erzählen eine Legende, und einige behaupten schlicht etwas Falsches.
Die gute Nachricht: Die Bauweise verrät sich fast immer über die Zutatenliste – und die lässt sich mit der Landkarte der Cocktailfamilien in Sekunden einordnen, ganz gleich, wie der Drink heißt.
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