Mixologie

Die Manhattan-Familie: Whiskey, Wermut und ein halbes Dutzend Klassiker

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Die Manhattan-Familie: Whiskey, Wermut und ein halbes Dutzend Klassiker

Im Artikel über die Martini-Familie ging es um den hellen Zweig: Gin und trockener Wermut. Die Familie hat aber noch eine zweite, dunklere Hälfte – und die ist mindestens so ergiebig.

Das Prinzip ist dasselbe: eine Spirituose, ein aromatisierter Wein, ein paar Dashes Bitters. Nur dass hier Whiskey die Basis bildet und roter Wermut den Wein. Aus dieser Kombination sind über ein Jahrhundert hinweg ein halbes Dutzend eigenständiger Klassiker entstanden.

Das Original

60 ml Rye Whiskey, 30 ml roter Wermut, 2 Dashes Angostura. Auf Eis rühren, ohne Eis servieren, dazu eine Cocktailkirsche.

Das Verhältnis 2:1 ist der Standard; wer es trockener mag, geht auf 3:1. Mit Bourbon statt Rye wird der Drink süßer und weicher, mit Rye würziger und klarer – die klassische Wahl ist Rye.

Zur Entstehung kursieren mehrere Erzählungen aus dem New York des späten 19. Jahrhunderts. Die bekannteste davon, die eine prominente Namensgeberin ins Spiel bringt, gilt inzwischen als widerlegt.

Zur Kirsche ein Wort: Die knallroten, aromatisierten Cocktailkirschen aus dem Supermarkt schmecken nach Mandelaroma und Farbstoff. Echte, in Sirup eingelegte Cocktailkirschen sind eine andere Kategorie – und bei einem Drink mit drei Zutaten fällt das auf.

Die Wermut-Varianten

Perfect Manhattan. Der rote Wermut wird zur Hälfte durch trockenen ersetzt. Das Ergebnis ist schlanker und kräutriger, ohne die Wärme ganz zu verlieren. „Perfect" bedeutet in der Barsprache genau das: beide Wermutarten zu gleichen Teilen.

Dry Manhattan. Ausschließlich trockener Wermut, dazu meist eine Zitronenzeste statt der Kirsche. Deutlich herber und für viele die interessantere Version.

In beiden Fällen gilt: Der Wermut ist ein Drittel des Drinks. Ein alter, oxidierter Wermut ruiniert ihn zuverlässig – siehe Wermut-Artikel.

Tausch der Spirituose

Rob Roy. Derselbe Aufbau mit Scotch statt Rye. Je nach Whisky wird der Drink malziger, rauchiger oder torfiger – eine einzige Zutat, ein völlig anderer Charakter.

Vieux Carré. Aus New Orleans, und die aufwendigste Variante der Familie: Rye und Cognac zu gleichen Teilen, dazu roter Wermut, ein Löffel Bénédictine und zwei Sorten Bitters. Ein Musterbeispiel für die Split Base – zwei Spirituosen, die sich ergänzen statt zu ersetzen.

Der Likör als vierte Zutat

Hier wird es interessant, denn die meisten berühmten Nachkommen unterscheiden sich vom Original nur durch eine kleine Menge von etwas sehr Intensivem.

Bobby Burns. Scotch, roter Wermut und ein Löffel Bénédictine – ein honigsüßer französischer Kräuterlikör. Die Menge ist winzig, der Effekt groß.

Brooklyn. Rye, trockener Wermut, ein Schuss Maraschino-Likör und ein bitterer Orangenlikör. Die historische Originalzutat ist heute schwer erhältlich, weshalb praktisch jede Bar mit einer eigenen Annäherung arbeitet.

Hanky Panky. Die Ausnahme in der Familie, weil sie zum Gin zurückkehrt: Gin, roter Wermut und zwei Dashes eines sehr bitteren italienischen Kräuterlikörs. Der Drink wird der Barchefin des Londoner Savoy zugeschrieben – eine der wenigen Frauen, die es in dieser Zeit an die Spitze einer großen Hotelbar schafften.

Das Muster ist immer dasselbe: Ein Kräuter- oder Bitterlikör in kleiner Dosis verändert das Grundgerüst vollständig. Wer mit dieser Kategorie experimentieren will, findet die Übersicht in der Welt der Amari.

Der Vorfahre

Ganz am Anfang der Familie steht der Martinez – Gin, roter Wermut, Maraschino, Bitters. Er ist gleichzeitig der Vorfahre des Martini und der strukturelle Zwilling des Manhattan. An ihm sieht man, dass sich beide Zweige aus derselben Wurzel entwickelt haben und erst später auseinanderliefen.

Technik für die ganze Familie

Immer rühren, nie schütteln. Diese Drinks bestehen ausschließlich aus Spirituosen und Wein. Schütteln macht sie trüb und schaumig und zerstört die seidige Textur.

Vorgekühltes Glas. Serviert wird ohne Eis, also erwärmt sich der Drink von Sekunde eins an.

Kurz und kontrolliert rühren. Etwa 20 bis 30 Sekunden mit gutem Eis reichen. Zu lange, und der Drink wird wässrig.

Die Garnitur ist eine Entscheidung. Kirsche macht ihn runder und süßer, Zitronenzeste frischer und klarer. Probier denselben Manhattan einmal mit beidem nebeneinander.

Fazit

Die Manhattan-Familie zeigt vielleicht am deutlichsten, wie wenig es braucht, um aus einem Klassiker einen anderen zu machen: eine andere Whiskeysorte, ein anderer Wermut, ein Löffel Likör.

Und sie ist die zugänglichste aller Familien, weil alle Zutaten haltbar sind. Wer Rye, Scotch, roten und trockenen Wermut, einen Kräuterlikör und Angostura im Schrank hat, kann sämtliche hier genannten Drinks bauen – ohne eine einzige frische Zutat.

Wo diese Familie in der Gesamtsystematik steht, zeigt die Landkarte der Cocktailfamilien.

Genuss mit Verantwortung. Alkoholabgabe und -konsum ab 18 Jahren.

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