Geschichte

Cobbler, Flip, Toddy, Crusta: Vier vergessene Formate, die eine Rückkehr verdienen

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Cobbler, Flip, Toddy, Crusta: Vier vergessene Formate, die eine Rückkehr verdienen

Wenn man ein Barbuch aus dem 19. Jahrhundert aufschlägt, fällt zuerst die Gliederung auf. Die Drinks stehen nicht alphabetisch, sondern nach Gattungen sortiert – und die meisten dieser Gattungen kennt heute niemand mehr.

In der Landkarte der Cocktailfamilien haben wir sie aufgelistet, aber nicht ausgeführt. Das holen wir hier nach, denn drei von ihnen sind erstaunlich alltagstauglich – und eine ist die direkte Vorfahrin mehrerer Drinks, die wir für modern halten.

Der Cobbler

Wein, Sherry oder eine Spirituose, Zucker, frisches Obst – über Crushed Ice, mit Halm.

Der Sherry Cobbler war im 19. Jahrhundert einer der populärsten Drinks der westlichen Welt, und das hatte einen handfesten Grund: Er wurde genau in dem Moment möglich, als Eis durch den aufkommenden Eishandel massenhaft verfügbar wurde. Er gilt außerdem als einer der Drinks, die den Trinkhalm populär gemacht haben – vorher gab es wenig Anlass, durch ein Rohr zu trinken.

Warum er heute funktioniert: Er ist niedrig im Alkohol, fruchtig ohne süß zu sein, und er nutzt eine Kategorie, die in den meisten Hausbars ungenutzt im Schrank steht. Wer eine Flasche Sherry hat, kann in zwei Minuten einen bauen: Sherry, ein Löffel Zucker, zwei Orangenscheiben, Crushed Ice, kurz rühren, Beeren obenauf. Mehr zur Kategorie steht in eurem Sherry-Artikel.

Der Flip

Spirituose oder Likörwein, Zucker, ein ganzes Ei – geschüttelt, mit frisch geriebener Muskatnuss.

Der Flip hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Ursprünglich war er ein heißes Getränk aus Bier, Rum und Zucker, das in der Kolonialzeit mit einem glühenden Eisen aus dem Kaminfeuer erhitzt wurde – daher vermutlich der Name, weil die Flüssigkeit dabei aufschäumte und überschwappte.

Das Bier verschwand, das Eisen auch, geblieben ist die Ei-Variante. Eng verwandt ist der Nog, bei dem zusätzlich Milch oder Sahne ins Spiel kommt – die bekannteste Form ist der Eggnog.

Warum er heute funktioniert: Weil er in fünf Minuten fertig ist und wie ein Dessert wirkt, ohne eines zu sein. Ein Port Flip oder Brandy Flip ist einer der besten Drinks für den späten Abend; mehr dazu in der Winter-Mixologie.

Zum rohen Ei gilt derselbe Hinweis wie immer: pasteurisierte Eier verwenden, und für Schwangere, kleine Kinder sowie ältere oder immungeschwächte Gäste ist rohes Ei generell nicht empfehlenswert.

Toddy und Sling

Spirituose, Zucker, Wasser. Der Toddy heiß, der Sling kalt oder heiß, beide oft mit Gewürz.

Diese beiden sind historisch die wichtigsten Formate überhaupt, weil aus ihnen der Cocktail selbst entstanden ist: Ein Sling, dem man Bitters hinzufügt, erfüllt exakt die Definition, die 1806 in einer amerikanischen Zeitung gedruckt wurde – nachzulesen in Was ist eigentlich ein Cocktail?

Der Hot Toddy hat als einziger dieser Formate überlebt, allerdings vor allem als Hausmittel bei Erkältung, was ihm handwerklich nicht gutgetan hat.

Warum er heute funktioniert: Weil er das einfachste gute Getränk der kalten Jahreszeit ist. Whisky, Honigsirup, Zitrone, heißes – nicht kochendes – Wasser, eine mit Nelken gespickte Zitronenscheibe. Und ein Hinweis zur Namensverwirrung: Der Singapore Sling ist ein ganz anderer, deutlich jüngerer und komplexerer Drink und hat mit dieser Gattung wenig zu tun.

Die Crusta

Das vergessenste und eleganteste Format: Spirituose, Zitrone, ein Likör, ein wenig Zucker – serviert in einem Glas mit Zuckerrand, dessen Innenwand mit einer am Stück geschälten Zitronenschale ausgekleidet ist.

Die Crusta ist handwerklich aufwendig, und genau das hat sie verdrängt. Historisch ist sie aber bedeutend, denn sie bringt zwei Dinge erstmals zusammen, die später Standard wurden: einen Likör als Süßungsmittel und einen Zuckerrand am Glas.

Wer das liest und an Sidecar und Margarita denkt, liegt richtig. Beide folgen demselben Prinzip – eine Spirituose, Zitrus und ein Orangenlikör, bei der Margarita mit Salz- statt Zuckerrand. Die Crusta ist ihre gemeinsame Vorfahrin.

Warum sie heute funktioniert: Als Showstück. Die geschälte Zitronenspirale im Glas sieht spektakulär aus, und der Drink selbst schmeckt wie ein konzentrierter Sidecar.

Was die vier gemeinsam haben

Alle vier Formate sind älter als der Cocktail im heutigen Sinn, und alle vier verschwanden nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil sie unpraktisch wurden: Der Cobbler braucht Crushed Ice, der Flip ein frisches Ei, die Crusta zwei Minuten Schälarbeit, der Toddy heißes Wasser.

In einer Hausbar spielt Tempo aber keine Rolle. Genau deshalb sind diese Gattungen zu Hause besser aufgehoben als in einer vollen Bar am Samstagabend – und einen Versuch allemal wert.

Genuss mit Verantwortung. Alkoholabgabe und -konsum ab 18 Jahren.

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