Was ist eigentlich ein Cocktail? Die Antwort steht seit 1806 fest
Frag zehn Leute, was ein Cocktail ist, und du bekommst zehn ungefähre Antworten. Irgendetwas Gemischtes mit Alkohol. Etwas mit Shaker. Etwas Buntes im Glas.
Dabei gibt es eine präzise Antwort, und sie ist über zweihundert Jahre alt. Sie stammt aus einer amerikanischen Zeitung, sie entstand aus einer Leserfrage, und sie ist bis heute die Grundlage dafür, wie Bartender die Getränkewelt sortieren.
Der Leserbrief, der alles klärte
Im Mai 1806 erschien in der Zeitung The Balance and Columbian Repository im Bundesstaat New York eine Frage: Ein Leser hatte in einer früheren Ausgabe das Wort „Cocktail" gelesen und wollte wissen, was das eigentlich sei.
Die Redaktion antwortete – und lieferte damit die erste bekannte gedruckte Definition. Sinngemäß: Ein Cocktail sei ein anregendes Getränk aus Spirituose, Zucker, Wasser und Bitters.
Vier Bausteine. Keine Frucht, kein Saft, kein Sekt, kein Shaker. Und die Spirituose war ausdrücklich beliebig.
Interessant ist der Zusatz, den die Zeitung machte: Das Getränk sei nützlich für Wahlkämpfer, weil es Mut verleihe und gleichzeitig den Kopf verwirre. Der Cocktail war also von Anfang an ein Getränk mit Haltung – und mit Selbstironie.
Warum das mehr ist als eine Anekdote
Der entscheidende Punkt an dieser Definition ist die Abgrenzung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war „Cocktail" nämlich keine Sammelbezeichnung für gemischte Getränke, sondern der Name einer bestimmten Gattung unter mehreren.
Die Barwelt jener Zeit kannte eine ganze Reihe klar unterschiedener Familien:
- Punch – Spirituose, Zitrus, Zucker, Wasser, Gewürz. Das älteste Format, gedacht für die Bowle. Mehr dazu im Punsch-Guide.
- Sling – Spirituose, Zucker, Wasser. Schlicht und heiß oder kalt getrunken.
- Cocktail – ein Sling mit Bitters. Genau dieser eine Zusatz war das Unterscheidungsmerkmal.
- Sour – Spirituose, Zitrus, Zucker. Die Familie, aus der Daiquiri, Margarita und Whiskey Sour hervorgingen; siehe Sour-Guide.
- Julep, Fizz, Flip, Toddy, Cobbler – jeweils eigene Bauweisen mit eigenen Regeln.
Der Cocktail war also ursprünglich die kleinste und strengste dieser Kategorien. Was ihn definierte, waren nicht die Zutaten im Allgemeinen, sondern die Bitters – jene konzentrierten Kräuterauszüge, die bis heute das Gewürzregal jeder Bar bilden.
Jerry Thomas und das erste Barbuch
Die zweite Wegmarke folgte 1862. In diesem Jahr veröffentlichte der amerikanische Bartender Jerry Thomas das erste bekannte Barbuch überhaupt: eine Sammlung von Rezepten, sortiert nach genau diesen Getränkefamilien.
Das Buch ist aus zwei Gründen bedeutend. Erstens dokumentierte es erstmals systematisch, was hinter dem Tresen tatsächlich passierte – vorher wurde Barwissen mündlich weitergegeben. Zweitens machte es den Bartender zu einer öffentlichen Figur mit Namen und Ruf.
Wer heute in einem Barbuch die Einteilung in Sours, Fizzes, Flips und Punches findet, liest eine Struktur, die auf dieses Werk zurückgeht.
Warum der Old Fashioned so heißt
Hier kommt die schönste Pointe der Geschichte.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden Drinks zunehmend aufwendiger. Neue Liköre, importierte Zutaten und immer kompliziertere Rezepturen kamen in Mode. Wer nun in einer Bar einen Cocktail bestellte, konnte fast alles bekommen.
Also begannen manche Gäste, ihre Bestellung zu präzisieren: Sie wollten einen Cocktail nach alter Art – also so, wie die Definition von 1806 ihn beschrieb. Spirituose, Zucker, Bitters, ein wenig Wasser. Nichts weiter.
Aus dieser Bestellung wurde ein Name. Der Old Fashioned ist damit kein eigenständiger Drink, sondern der ursprüngliche Cocktail selbst – konserviert unter einem Namen, der nichts anderes bedeutet als „bitte das Original".
Wenn du also einen Old Fashioned rührst, baust du das Getränk nach, das der Zeitungsredakteur 1806 beschrieben hat. Das macht ihn zum vielleicht wichtigsten Drink überhaupt: Er ist die Blaupause.
Woher das Wort stammt – und warum das niemand sicher weiß
Bei der Herkunft des Begriffs endet die Faktenlage und beginnt die Spekulation. Es kursieren mehrere Erklärungen, und keine davon ist zweifelsfrei belegt:
- Von Pferden, deren Schwanz kupiert wurde, was sie aufgeweckter wirken ließ – ein Ausdruck, der auf ein anregendes Getränk übertragen worden sein könnte.
- Von einem französischen Eierbecher („coquetier"), in dem ein New Orleanser Apotheker seine Mischungen serviert haben soll. Diese Erzählung ist populär, gilt aber weithin als nachträglich konstruiert.
- Von den Bodensätzen in Fässern, die in Schankwirtschaften zusammengeschüttet wurden.
Belastbar ist keine dieser Herleitungen. Gesichert ist nur, dass das Wort schon einige Jahre vor der berühmten Definition in gedruckter Form auftauchte – die Zeitung erklärte 1806 also einen Begriff, der bereits im Umlauf war.
Was das für heute bedeutet
Die Definition von 1806 ist längst überholt, wenn man sie als Regel liest. Heute nennen wir jedes gemischte alkoholische Getränk einen Cocktail, und das ist völlig in Ordnung.
Als Denkwerkzeug ist sie aber weiterhin brauchbar. Denn sie beschreibt eine Struktur, die funktioniert: etwas Starkes, etwas Süßes, etwas Verdünnendes, etwas Aromatisches. Wer einen Drink baut und merkt, dass er flach schmeckt, findet den Fehler fast immer in einem dieser vier Felder – meistens fehlt das Aromatische, also die Bitters.
Zweihundert Jahre später ist das immer noch ein guter Rat. Auch wenn er ursprünglich für Wahlkämpfer gedacht war.
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