Zu Unrecht verrufen: Fünf Cocktails, die besser sind als ihr Ruf
Es gibt eine Handvoll Drinks, die man in einer guten Bar nicht bestellt, wenn man dazugehören will. Sie gelten als süß, billig, touristisch – als das, was man mit achtzehn getrunken hat und inzwischen hinter sich gelassen zu haben glaubt.
Schaut man sich die Rezepturen an, ergibt das wenig Sinn. Fast alle diese Drinks sind handwerklich sauber gebaut und folgen denselben Prinzipien wie die Klassiker, die man bewundert. Was ihnen den Ruf ruiniert hat, ist nicht das Rezept, sondern die industrielle Abkürzung: Fertigmischungen, Sirup statt Saft, Farbstoff statt Frucht.
Fünf Fälle – und was passiert, wenn man sie richtig macht.
Piña Colada
Der Ruf: Pappsüßer Strandurlaub aus der Maschine, meist in einem Glas mit Schirmchen.
Das Problem: Zwei Zutaten werden fast immer falsch gewählt. Erstens Ananassaft aus der Dose, der flach und metallisch schmeckt. Zweitens – und das ist der größere Fehler – die Kokoskomponente. Gefragt ist Cream of Coconut, eine gesüßte Kokoscreme, nicht Kokosmilch und nicht Kokoswasser. Wer hier das Falsche nimmt, bekommt entweder eine wässrige oder eine fettige Masse.
Richtig gemacht: Frischer Ananassaft, gute Kokoscreme, kräftiger Rum, ein Spritzer Limette gegen die Süße. Das Ergebnis ist ein dichter, cremiger Tropendrink mit echter Frucht – der Beweis, dass süß und gut kein Widerspruch sind.
Zur Herkunft kursieren mehrere konkurrierende Geschichten aus Puerto Rico; belegen lässt sich keine davon eindeutig. Unstrittig ist, dass der Drink dort einen ganz anderen Status hat als bei uns.
Cosmopolitan
Der Ruf: Rosafarbenes Fernsehgetränk der Neunziger.
Das Problem: Der Cosmopolitan ist strukturell ein Sour – Spirituose, Zitrus, Süße – mit einem Orangenlikör als Modifier. Sauber gebaut ist er trocken, klar und ziemlich elegant. Zerstört wird er durch zwei Dinge: Limettensaft aus der Flasche und viel zu viel Cranberrysaft, der ihn in eine süße Saftschorle verwandelt.
Richtig gemacht: Der Cranberryanteil ist klein – er gibt Farbe und eine herbe Note, nicht die Basis. Frische Limette, ein ordentlicher Orangenlikör, gut geschüttelt, eine Orangenzeste darüber ausgedrückt. Wer den so trinkt, versteht, warum er einmal in Mode kam.
Long Island Iced Tea
Der Ruf: Der Drink, den man bestellt, um schnell betrunken zu werden.
Das Problem: Der schlechte Ruf ist hier halb verdient – aber nicht aus dem Grund, den alle nennen. Auf dem Papier ist der Long Island ein ganz normaler Sour: Spirituosen, Zitrone, Süße, aufgefüllt. Nur besteht die Spirituosenseite aus fünf verschiedenen Flaschen in kleinen Mengen.
Das funktioniert, solange man sich an die kleinen Mengen hält. In der Praxis wird stattdessen großzügig eingeschenkt, und aus einem austarierten Drink wird ein Glas mit doppelter Dosis. Was der Alkoholgehalt dann tatsächlich bedeutet, lässt sich mit der Rechnung aus unserem Artikel Wie stark ist mein Cocktail? nachvollziehen.
Richtig gemacht: An die Mengen halten, frische Zitrone verwenden, mit Cola nur toppen statt auffüllen. Dann schmeckt er tatsächlich entfernt nach Eistee – daher der Name.
Mojito
Der Ruf: Der Drink, den Bartender hassen.
Das Problem: Der Mojito leidet unter zwei Dingen. Erstens ist er arbeitsintensiv, was ihn an vollen Abenden unbeliebt macht. Zweitens wird er fast überall falsch zubereitet – mit Minzsirup statt Minze oder, noch häufiger, mit Minze, die im Stößel zu Brei zerschlagen wurde.
Minze gibt ihr Aroma über ätherische Öle ab, die direkt unter der Blattoberfläche sitzen. Man muss die Blätter nur leicht andrücken. Wer sie zerstampft, setzt Bitterstoffe und Chlorophyll frei – und bekommt einen grasigen, bitteren Drink.
Richtig gemacht: Limette und Zucker im Glas andrücken, Minze nur kurz mit dem Stößel anstupsen, Rum dazu, mit Crushed Ice auffüllen, mit Soda toppen. Ein sauber gemachter Mojito ist einer der besten Sommerdrinks, die es gibt.
Tequila Sunrise
Der Ruf: Kitschiger Farbverlauf ohne Inhalt.
Das Problem: Hier steckt fast alles in einer einzigen Zutat. Grenadine war ursprünglich ein Granatapfelsirup – herb, fruchtig, mit echter Säure. Die allermeisten Handelsprodukte sind heute gefärbter Zuckersirup ohne Granatapfelanteil. Wer damit arbeitet, bekommt genau das, was der Drink im Ruf hat: süß, rot, bedeutungslos.
Richtig gemacht: Grenadine selbst ansetzen – Granatapfelsaft mit Zucker reduziert, mehr braucht es nicht; die Technik steht im Home-Sirup-Guide. Dazu frisch gepresster Orangensaft statt Saft aus dem Karton und ein anständiger Tequila. Plötzlich ist es ein herb-fruchtiger Drink mit Struktur.
Das Muster dahinter
Schaut man auf alle fünf Fälle, zeigt sich derselbe Mechanismus: Nicht das Rezept ist gescheitert, sondern die Zutatenqualität. Saft aus der Flasche, Sirup ohne Frucht, Fertigmischungen – und dann noch die falsche Menge.
Genau dieselben Fehler würden auch einen Daiquiri oder einen Manhattan ruinieren. Der Unterschied ist nur, dass diese Drinks selten in Massenbetrieben ausgeschenkt werden und deshalb nie mit ihrer schlechtesten Version verwechselt wurden.
Wenn du also einen dieser fünf zu Hause baust, mit frischen Zutaten und den richtigen Mengen, tust du nichts Peinliches. Du stellst nur wieder her, was ursprünglich dastand – und schmeckst anschließend ab, wie es im Abschmeck-Guide beschrieben ist.
Genuss mit Verantwortung. Alkoholabgabe und -konsum ab 18 Jahren.
Lust auf einen Drink bekommen?
Entdecke perfekt kuratierte Rezepte, die zu diesem Thema passen.
Alle Rezepte entdecken
